Schwule Parties

Immer wenn ich einen neuen schwulen Menschen kennenlerne, frage ich ihn, wann er schwul geworden ist. Die Geschichten, die ich zu hören bekomme, sind alle gleich und doch grundverschieden. Heiner hat aus dem Otto-Katalog seiner Mutter Herrenunterwäschemodels ausgeschnitten und vor dem Einschlafen geküsst. Thomas wurde an seinem dreißigsten Geburtstag von seiner Frau in einer Schwulenbar abgegeben, mit den Worten, hier sei er endlich unter Gleichgesinnten, und eine neue Wohnung solle er sich doch bitteschön auch gleich suchen. 

 

Während sie ihre Geschichten erzählen, steht ein Leuchten in den Augen dieser Männer. Ein Leuchten, als hätten sie am Weihnachtsmorgen nach der Bescherung hinterm Weihnachtsbaum noch ein Geschenk entdeckt. Mit nichts hatte man mehr gerechnet – und jetzt durfte man doch noch weiter auspacken! Die Freude darüber scheint nie zu vergehen. Das Leuchten hält an.

 

Ich war ein schwules Kind. Ich wusste es immer. Ich habe das nicht entdecken müssen. Ich habe das leider auch nicht entdecken dürfen. Ich leuchte nicht. Mein Wissen über mein Schwulsein ist, wenn man so will, älter als ich. Bevor jetzt die Frage kommt: ja, natürlich habe ich damals mit Mädchen gespielt. Ich habe damals ausschließlich mit Mädchen gespielt. Aber ich habe sie immer nur gemocht. Bestenfalls. Geliebt habe ich Stefan Weckesser, den Kapitän der F-Jugend, Martin Weiss, den Tennispartner meines Bruders, Herrn Waszanka, unseren Gymnastiklehrer. 

 

Als schwuler Mann muss man ganz schön was aushalten. Als schwules Kind trägt man die Last des Universums auf seinen Schultern. Man steckt voller Liebe und ahnt, dass Jahre vergehen werden, bevor man rausfindet, wohin damit. Und keins aus der endlosen Reihe von Mädchen, die man zum Entzücken der Eltern auf Parties und Kindergeburtstagen küssen muss, weil das doch so süß ist, versteht, wie groß die eigene Enttäuschung ist. Zu küssen und geküsst zu werden und gar nichts zu fühlen.

 

Manchmal denke ich, die Kindheit schwuler Kinder geht schneller vorbei. Schneller als die anderer Menschen. Bestätigt wird das von fast jedem, den ich auf den schwulen Parties frage. Man sitzt in einem falschen Leben, und die Sehnsucht nach dem richtigen wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Rückblickend kommt es mir so vor, als wäre ich schon mit zwölf bereit gewesen für Abitur, Führerschein und meinen Traumprinzen. Ich bin übrigens absolut gegen Wiedergeburt. Nochmal den ganzen Scheiß würde ich einfach nicht überleben.