Marilyn

"Mein jüngster Sohn und sein Mann können keine eigenen Kinder bekommen. Darum haben sie sich jetzt eins gekauft!", erzählt meine Mutter ihren Freundinnen. Natürlich stimmt das nicht. Wir haben kein Kind gekauft. Wir haben eins geleast. Ich habe bei www.plan.de einen Kontaktbogen ausgefüllt und drei Wochen darauf bekamen wir ein Patenkind zugewiesen, das mit seiner Mutter, einer gelernten LKW-Fahrerin, in einem Bergdorf in Nicaragua lebt. 

Zeruhya galt die ersten zehn Jahre ihres Lebens als lernbehindert, bis man feststellte, dass sie ganz einfach blind ist wie ein Maulwurf. Zeruhya bekam von uns ihre erste Brille und blühte auf. Wir bekamen ein Foto, auf dem Zeruhya und ihre Mutter zu sehen waren. Zeruhya ist ein schüchternes Reh mit flaschendicken Brillengläsern. Ihre Mutter ist erschütternd hässlich und verwachsen wie ein Hufnagel. 

Zeruhyas Mutter heißt Marilyn. Würde es nicht auf der Rückseite des Fotos stehen, wir hätten Marilyn für Zeruhyas Vater gehalten. In einem anderen Leben hätte Marilyn Karriere als lesbisches Gewichtheber-Idol in Irkutsk machen können. Marilyn trägt einen Federhut und ein bauchfreies T-Shirt mit nicaraguanischer Haargel-Werbung. Marilyn ließ uns mitteilen, dass Zeruhya in ihrer Freizeit gern raucht und ihr Hund auf den Namen Shakira hört. Wir waren plötzlich eine glückliche kleine Patchwork-Familie. 

Bis wir einen Brief erhielten, in dem uns die kleine Brigita aus Guatemala als unser Patenkind vorgestellt wurde, die mit ihrer Großmutter Angelica in der Nähe von Huehuetanango lebt. Hatte man uns mit anderen Paten-Eltern verwechselt? War Zeruhya unbekannt verzogen? Oder war Marilyn aus der Patenkind-Organisation ausgetreten, weil sie einen Job als Schlammcatcherin in Tipitapa angetreten hatte? Schließlich stellte sich heraus, dass wir schon immer für Brigita gezahlt hatten, nur waren die ersten Fotos vertauscht worden!

 Brigita ist ein hübsches, brillenloses Mädchen, das die katholische Schule im Nachbardorf besucht und als Hobby Freundschaftsbänder flicht, von denen wir bereits zwei bekommen haben – aber als Kinder hätten wir sie auf dem Schulhof geschnitten. Wir haben alles versucht, um unsere kettenrauchende Zeruhya zurückzubekommen. Wir haben Zeruhyas Paten-Eltern sogar eine Prämie für den Tausch angeboten. Sie haben abgelehnt. Für den Fall, dass sie sterben oder ihre monatliche Spende nicht mehr aufbringen können, haben wir Zeruhya nun reservieren lassen. Auch meine Mutter sagt, sie könne Zeruhya besser leiden als Brigita. Kein Wunder. Meine Mutter und Zeruhya tragen die gleiche Brille. Und sie rauchen beide Marlboro rot.