Smartphones

Ich habe mein Smartphone auf der Terrasse liegen lassen. Die Terrasse ist ganz neu, alles ist ganz neu, seitdem wir aufs Land gezogen sind, ich bin einfach nicht daran gewöhnt, dass ich mit nur einem Schritt aus meinem Wintergarten in der Wildnis stehe, die unser neuer Garten ist, und in der es ohne Vorwarnung regnen kann. Mein Speicherchip quoll auf wie eine feuchte Oblate, die übrigen Innereien waren hellgrüner Schleim. 350 Anschriften, Telefonnummern und Emailadressen, mein ganzes berufliches und privates Leben - futsch! Ich war für Minuten wie gelähmt. Mein Mann schaute nur kurz auf die Reste meines ehemaligen Glücks und sagte amüsiert: "Wie sind wir früher nur ohne ausgekommen."

"Wir sind", schrie ich, sofort auf Krawall gebürstet von soviel Gutmenschen-Dünkel, "früher ohne ausgekommen, weil keiner eins hatte! Aber die Welt hat sich weitergedreht seit der Erfindung der Rauchzeichen! Theodor Fontane war ein versierter Briefeschreiber! Ich tippe 180 Anschläge in der Minuten auf meinem iPhone6!" 

Meine Stimme bricht. Ich kapituliere vor soviel Ignoranz. Nur ein paar Tage später spendiert mir das Universum Gelegenheit zur Rache. Mein Mann arbeitet am Computer. Er versteht ihn nicht. Aber er nutzt ihn. Er kann eine Textdatei beschreiben und sie abspeichern. Mehr kann er nicht. Plötzlich legt ein Virus seinen Computer lahm. Er hat eine Datei geöffnet, vor der ihn sein eigener Computer gewarnt hat. Vorsicht Virengefahr! Das hat ihn so neugierig gemacht, dass er sich nicht mehr in der Lage fühlte, nicht doppelzuklicken. 

Sein NORTON Virenschutzprogramm überprüfte hysterisch jeden Tastendruck der letzten dreizehn Monate und machte sinnvolles Arbeiten unmöglich. Ich wollte schadenfroh sein, konnte es aber nicht. Ich kann meine Männer nicht weinen sehen. Während mein Mann sich vor Kummer betrank, rief ich Doktor Raderschall an. Doktor Raderschall ist ein Microsoft Certified Professional Systems Engineer und genauso sexy, wie es sich anhört. Doktor Raderschall fegte mit dem elektrischen Handkehrer durch unseren PC (Doktor Raderschall erklärt uns schwierige technische Abläufe gern auf unserem Bildungsniveau) und machte alles wieder heil. Doktor Raderschall sagt, natürlich sei Technik ein zweischneidiges Schwert. Doktor Raderschall sagt, Technik sei solange gut, wie wir sie beherrschen. Und nicht umgekehrt. Sagt Doktor Raderschall. Mein Mann hat sich ein neues Virenschutzprogramm zugelegt. Und ich mir meine erste Handygürteltasche.

Schwule Parties

Immer wenn ich einen neuen schwulen Menschen kennenlerne, frage ich ihn, wann er schwul geworden ist. Die Geschichten, die ich zu hören bekomme, sind alle gleich und doch grundverschieden. Heiner hat aus dem Otto-Katalog seiner Mutter Herrenunterwäschemodels ausgeschnitten und vor dem Einschlafen geküsst. Thomas wurde an seinem dreißigsten Geburtstag von seiner Frau in einer Schwulenbar abgegeben, mit den Worten, hier sei er endlich unter Gleichgesinnten, und eine neue Wohnung solle er sich doch bitteschön auch gleich suchen. 

 

Während sie ihre Geschichten erzählen, steht ein Leuchten in den Augen dieser Männer. Ein Leuchten, als hätten sie am Weihnachtsmorgen nach der Bescherung hinterm Weihnachtsbaum noch ein Geschenk entdeckt. Mit nichts hatte man mehr gerechnet – und jetzt durfte man doch noch weiter auspacken! Die Freude darüber scheint nie zu vergehen. Das Leuchten hält an.

 

Ich war ein schwules Kind. Ich wusste es immer. Ich habe das nicht entdecken müssen. Ich habe das leider auch nicht entdecken dürfen. Ich leuchte nicht. Mein Wissen über mein Schwulsein ist, wenn man so will, älter als ich. Bevor jetzt die Frage kommt: ja, natürlich habe ich damals mit Mädchen gespielt. Ich habe damals ausschließlich mit Mädchen gespielt. Aber ich habe sie immer nur gemocht. Bestenfalls. Geliebt habe ich Stefan Weckesser, den Kapitän der F-Jugend, Martin Weiss, den Tennispartner meines Bruders, Herrn Waszanka, unseren Gymnastiklehrer. 

 

Als schwuler Mann muss man ganz schön was aushalten. Als schwules Kind trägt man die Last des Universums auf seinen Schultern. Man steckt voller Liebe und ahnt, dass Jahre vergehen werden, bevor man rausfindet, wohin damit. Und keins aus der endlosen Reihe von Mädchen, die man zum Entzücken der Eltern auf Parties und Kindergeburtstagen küssen muss, weil das doch so süß ist, versteht, wie groß die eigene Enttäuschung ist. Zu küssen und geküsst zu werden und gar nichts zu fühlen.

 

Manchmal denke ich, die Kindheit schwuler Kinder geht schneller vorbei. Schneller als die anderer Menschen. Bestätigt wird das von fast jedem, den ich auf den schwulen Parties frage. Man sitzt in einem falschen Leben, und die Sehnsucht nach dem richtigen wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Rückblickend kommt es mir so vor, als wäre ich schon mit zwölf bereit gewesen für Abitur, Führerschein und meinen Traumprinzen. Ich bin übrigens absolut gegen Wiedergeburt. Nochmal den ganzen Scheiß würde ich einfach nicht überleben.

Marilyn

"Mein jüngster Sohn und sein Mann können keine eigenen Kinder bekommen. Darum haben sie sich jetzt eins gekauft!", erzählt meine Mutter ihren Freundinnen. Natürlich stimmt das nicht. Wir haben kein Kind gekauft. Wir haben eins geleast. Ich habe bei www.plan.de einen Kontaktbogen ausgefüllt und drei Wochen darauf bekamen wir ein Patenkind zugewiesen, das mit seiner Mutter, einer gelernten LKW-Fahrerin, in einem Bergdorf in Nicaragua lebt. 

Zeruhya galt die ersten zehn Jahre ihres Lebens als lernbehindert, bis man feststellte, dass sie ganz einfach blind ist wie ein Maulwurf. Zeruhya bekam von uns ihre erste Brille und blühte auf. Wir bekamen ein Foto, auf dem Zeruhya und ihre Mutter zu sehen waren. Zeruhya ist ein schüchternes Reh mit flaschendicken Brillengläsern. Ihre Mutter ist erschütternd hässlich und verwachsen wie ein Hufnagel. 

Zeruhyas Mutter heißt Marilyn. Würde es nicht auf der Rückseite des Fotos stehen, wir hätten Marilyn für Zeruhyas Vater gehalten. In einem anderen Leben hätte Marilyn Karriere als lesbisches Gewichtheber-Idol in Irkutsk machen können. Marilyn trägt einen Federhut und ein bauchfreies T-Shirt mit nicaraguanischer Haargel-Werbung. Marilyn ließ uns mitteilen, dass Zeruhya in ihrer Freizeit gern raucht und ihr Hund auf den Namen Shakira hört. Wir waren plötzlich eine glückliche kleine Patchwork-Familie. 

Bis wir einen Brief erhielten, in dem uns die kleine Brigita aus Guatemala als unser Patenkind vorgestellt wurde, die mit ihrer Großmutter Angelica in der Nähe von Huehuetanango lebt. Hatte man uns mit anderen Paten-Eltern verwechselt? War Zeruhya unbekannt verzogen? Oder war Marilyn aus der Patenkind-Organisation ausgetreten, weil sie einen Job als Schlammcatcherin in Tipitapa angetreten hatte? Schließlich stellte sich heraus, dass wir schon immer für Brigita gezahlt hatten, nur waren die ersten Fotos vertauscht worden!

 Brigita ist ein hübsches, brillenloses Mädchen, das die katholische Schule im Nachbardorf besucht und als Hobby Freundschaftsbänder flicht, von denen wir bereits zwei bekommen haben – aber als Kinder hätten wir sie auf dem Schulhof geschnitten. Wir haben alles versucht, um unsere kettenrauchende Zeruhya zurückzubekommen. Wir haben Zeruhyas Paten-Eltern sogar eine Prämie für den Tausch angeboten. Sie haben abgelehnt. Für den Fall, dass sie sterben oder ihre monatliche Spende nicht mehr aufbringen können, haben wir Zeruhya nun reservieren lassen. Auch meine Mutter sagt, sie könne Zeruhya besser leiden als Brigita. Kein Wunder. Meine Mutter und Zeruhya tragen die gleiche Brille. Und sie rauchen beide Marlboro rot.